Friederike Kempner – Die schlesische Nachtigall

Posted by on Feb 23, 2016

Friederike_KempnerFriederike Kempner schrieb, von der Literaturkritik weitgehend unbeachtet, Novellen, Dramen und rang im Zauberreich der Lyrik zeitlebens mit den sprach­lichen und formalen Gesetzmäßigkeiten der Gattung. „Die schlechtesten je auf diesem Planeten bekannt­gewordenen Verse“ soll Sie verfasst haben – weswegen der Schrift­steller und Literatur­kritiker Alfred Kerr 1909 sogar seinen Geburts­namen “Kempner” ändern ließ.

Bevor ihre Werke, durch Paul Lindau in seiner Wochen­schrift Die Gegen­wart spöttisch gepimpt, ein größeres Publikum erreichten, war Kempner mit großem Erfolg sozial­reformerisch tätig. Sie kämpfte entschieden gegen soziale Ungleichheit und erfolgreich für die Abschaffung der lebenslangen Einzelhaft.

Wie viele ihrer ZeitgenossInnen trieb auch Kempner die Sorge um, lebendig begraben zu werden. Ihre Denkschrift über die Nothwendigkeit der gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern, zuerst 1850 erschienen, bereitete den Weg für die Einführung von Leichenhäusern in Preußen und veranlasste die Einhaltung einer Wartefrist zwischen Tod und Beerdigung.

Die 1873 zuerst selbst verlegten Gedichte Kempners erschienen bis 1903 in acht Auflagen, die die Verfasserin mit Vorworten versah:

Es fehlte freilich auch nicht an anonymer Feindschaft, ja an Haß und Verfolgung niedrigster und widrigster Art, und wie mancher Beherrscher von Rußland, sah ich mich fast täglich von anonymen Briefen heimgesucht, eine Ehre, die ich gar nicht erwartet hätte, die ich aber zu würdigen wußte.“ (Aus dem Vorwort der 5. Auflage 1887)

Ihre Werke, die sie gegen den Spott ihrer Kritiker verteidigte, zeichnen sich vielfach durch den beherzten Einsatz überschwänglicher Metaphern, emphatische Wortschöpfungen und einem freien Umgang mit der dichterischen Tradition des Reimens aus. So schreibt sie über Paris: „Ihr wisst wohl, wen ich meine / Die Stadt liegt an der Seine.“

Bis dato unzulässige Abkürzungen von Worten wurden zur Besänftigung in Unruhe geratener Versmaße eingesetzt, offensichtlich unwichtige Wortsilben herausapostrophiert. Wo ein Schlag fehlte, waren einsilbige Einschübe wie „Ach“, „So“, „all“ oder gar die Verdoppelung von Artikeln das Mittel der Wahl. Der Vortrag ihrer Gedichte wurden fester Bestandteil geselliger Anlässe, man bezeichnete sie noch zu Lebzeiten als „Meisterin der unfreiwilligen Komik“ und gab ihr den Beinamen „Die schlesische Nachtigall“.

Friederike Kempner starb 1904, zeitlebens unverheiratet, auf ihrem Gut „Friederikenhof“ im schlesischen Reichtal. Auf ihrem Grabstein steht: „Ihr Leben war geistiger Arbeit und Werken der Nächstenliebe geweiht“.

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